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Philosophische Gedanken von Prof. Dr. Augustinus Krinner:
Curienz-Philosophie - Ein Vermächtnis von Jac van Essen

Auguste Rodin: „Der Denker“ (1880-82) vor der Ny Carlsberg Glyptotek in Kopenhagen. Überzeitliche Darstellung eines Menschen, der in die Tätigkeit des Denkens vertieft ist, gleichzeitig angespannt wie nach innen gewandt.

DIE INTERNATIONALE FAKULTÄT ZU HAARLEM, NL - JETZT

JAC VAN ESSEN AKADEMIE - EINE BESONDERE HOCHSCHULE

von Augustinus Krinner


Gerne habe ich es übernommen, eine Zusammenfassung über die Internationale Fakultät, das Leben des Philosophen Jac van Essen, seine Grundgedanken und seine Hochschule niederzuschreiben. Das eine kann man nicht ohne das andere darlegen. Doch als ich sah, in welchem Zusammenhang ich das zu bringen hätte, wurde ich unsicher. Was hat das, was ich bieten kann, mit Religion und Glauben zu tun? Nun gut! "Religion" ist wohl auch ein philosophisches Thema, gehört doch die Religiosität zum Wesen des Menschen. In meine Überlegung hinein, doch besser hier abzusagen, fiel mir der Brief eines unserer früheren Studenten aus Lantershofen, der als Missionar tätig ist, in die Hände. Er schrieb, wie sehr ihm heute gerade die Curienzphilosophie, die er innerhalb meiner Philosophie-Vorlesung bei mir gehört hatte, eine große Hilfe sei. Im Vorfeld vieler seiner Aufgaben, besonders da, wo es um die Begegnung mit Menschen anderer Denkweisen geht, erinnert die Curientologie an die Ebenbürtigkeit aller Menschen und die Curienzpsychologie (die damals im Rahmen der Pastoralpsychologie gelesen wurde) lässt ihn so manches, was ihm sonst fremd geblieben wäre, verstehen. Curientologie ist ja so lebendig, weil sie sich nicht im Hörsaal verbirgt, sondern alle Menschen anspricht?

 

Als ich das gelesen hatte, war eine meiner Bedenken beseitigt. Es bleibt aber die große Frage: Wie lässt sich das, wozu mehrere Bände nicht ausreichen, auf wenige Seiten zusammenfassen, ohne dass allzu große Abstriche gemacht werden müssten? Auch die Philosophie des XX. Jahrhunderts wird langsam Historie und lässt sich schon aus einem gewissen Abstand betrachten. Soll die Geschichte der Internationalen Fakultät beschrieben werden, so geht das nicht ohne Blick auf Jac van Essen, sein Lehren und Wirken einschließlich seiner Hochschule, die nun seinen Namen trägt. Sein Leben ist zugleich auch die Geschichte der Hochschule. Aber was könnte über einen Philosophen Besseres gesagt werden, als dass sein Leben mit seinem Denken und Handeln übereinstimmt.


I. Zum akademischen Lebensweg von Jac van Essen

 

Biografisch ist - in der erwähnten notwendigen Zusammenschau - darzulegen: Geboren wurde JAKOBUS VAN ESSEN am 28. Mai 1908 in Amsterdam, als Sohn einer angesehenen Familie, die in dieser Stadt seit Generationen ansässig war. Sein Vater hatte für ihn eine technische Laufbahn geplant. Nach dem Abitur studierte er zuerst Mathematik und Biologie an der Universität zu Amsterdam. Später erweiterte er sein Studium mit den Fächern Psychologie und Psychiatrie. Bereits in den ersten Trimestern erhielt er beim internationalen akademischen Preisausschreiben den ersten Preis (1928). Bald sehen wir ihn in Wien beim Psychologiestudium. Mit vierundzwanzig Jahren promovierte er bei KARL BÜHLER. Zurückgekehrt nach Amsterdam war er Forschungsassistent am dortigen Psychologischen Institut in einer Abteilung der Nervenklinik. Anschließend war er Dozent am Pädagogischen Institut und an einer Ausbildungsstätte für Sozialfürsorgerinnen. Zugleich war er Herausgeber der Niederländischen Zeitschrift für Psychologie und Mitarbeiter vieler ausländischer Fachzeitschriften. Als er 1936 seine ihm vorgezeichnete Karriere abbrach und zum neuen Studium nach Paris zog, hatte er bereits über 50 Veröffentlichungen aufzuweisen, darunter sein "Niederländisches Wörterbuch der Psychologie". In Paris wurde er Mitarbeiter von HENRI PIÉRON. 1939 promovierte er erneut, diesmal an der Sorbonne mit dem Hauptfach Philosophie.

 

Als der Krieg Frankreich erreichte, finden wir ihn in der Schweiz. Dort nutzte er die Zeit, neue Gedanken zu finden und Pläne zu entwerfen. Sofort nach Kriegsende zog er zurück nach Amsterdam und gründete dort nach vielen Vorarbeiten - eine internationale geisteswissenschaftliche Hochschule. Es war zwar eine der niederländischen Privathochschulen aber, wie es heißt, war es die eigenartigste akademische Institution der Nachkriegszeit: Dem Unterrichtsministerium in allem berichtpflichtig, organisatorisch aber ganz auf sich gestellt eben als doktorale Hochschule. Zum ersten Dekan wurde dann Prof. Dr. Dr. Jac van ESSEN gewählt. Als bald darauf die Internationale Fakultät für Curientologie (Philosophie und Psychologie) in Haarlem ihr Hochschulgebäude beziehen konnte, gehört auch Martin BUBER zu den Gratulanten. 1969 nahm Bertrand RUSSEL hoch erfreut das Ehrendoktorat der Hochschule an.

 

1. Die internationale Fakultät in Haarlem

 

In Freiheit lehrend und handelnd ging es der Internationalen Hochschule darum, ein umfassendes Gespräch mit allen Wissenschaften zu führen. Das Ziel war, zu einer allmenschlich geprägten Denkweise zu kommen, einer Denkweise, die geistig alle Menschen betrifft. Diese Zielsetzung brachte es mit sich, dass sich vor allem reifere Studenten einschreiben ließen, Studenten aus verschiedenen Lebensbereichen, mit reicher Lebenserfahrung, mit anderem akademischen Abschluss, wie Juristen, Pädagogen, Theologen, Naturwissenschaftler u. a. Zur vollen ministeriellen Gleichstellung mit den anderen niederländischen Universitäten und Hochschulen in bezug auf akademische Titelführung und Ernennung im Staatsdienst kam es jedoch erst im Juni 1972 (Dokumentation Internationale Fakultät vom 1.7.72 Nr. 1840/1b). Der Status einer "besonderen Hochschule" blieb erhalten.

 

Was aber war das Besondere der Facultatis internationalis mentis disciplinae?

 

Das Leitwort der Hochschule mag da einen ersten Hinweis geben. Es lautet: Lumen rationis - caldum cordis.

 

Das besagt zunächst: Mit dem scharfen, alles durchdringendem Licht der Verstandes, erkenntnistheoretisch bis zum Äußersten durchdenken, wissenschaftlich alles (bis zur mathematischen Genauigkeit) erforschen und ohne Abstriche klar zu sehen - und die Wissenschaften dann in bezug auf den Menschen mit der "Wärme des Herzens" anzuwenden. Nur das, was dem strengen Licht des wissenschaftlichen Fragens standgehalten hat, lässt sich verantwortungsvoll im zwischenmenschlichen Bereich, in der Begegnung, im helfenden Gespräch einbringen. Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnis im zwischenmenschlichen Bereich setzt die Liebe zum Menschen voraus, denn nur so kann das im Bezug auf den Menschen wissenschaftlich Durchdachte gutmenschlich, "mit der Wärme des Herzens" in die Praxis umgesetzt werden.

 

Ein weiterer Hinweis ist der Begriff Curienzphilosophie selbst, der das gesamte Denken hier umfasst. Nur vorlaufend sei an dieser Stelle gesagt: Abgeleitet wurde das Wort von dem lateinischen "curare", in Sinne von sorgeneifrig. Hier in dieser Denkweise ging es um das "richtig menschliche Denken auf den Menschen hin". Was Jac VAN ESSEN unter diesem Gesichtspunkt lehrte, es waren nicht die komplizierten, klassischen philosophischen (oder andere) Denkgebäude. Ein solches Studium sollten seine Hörer schon erfolgreich hinter sich haben. Sein Denken gab Impulse für das eigene Denken, und sein Denken kam den Menschen in ihrer Wissensnot entgegen. Dabei war er selber mehr Gesprächspartner als ein Belehrender. Die sich in Minimalprobleme verlierenden Bereiche der "Fach-Philosophie" interessierten ihn nicht sonderlich. Eine nur auf den Katheder zugeschnittene Philosophie - bei der die Dozierenden ihrer Pensionierung entgegen dämmerten - konnte nach ihm nicht mehr am Menschen orientiert sein. Er verlangte mehr. Ist der Mensch nicht das bedrängendste Thema unserer Zeit? Da wurde für VAN ESSEN das "menschlich 'richtige' Philosophieren" das eigentliche Anliegen und Thema. Viele Dozenten und Studenten kamen aus verschiedenen Ländern und machten sich dieses Denken, das Jac VAN ESSEN eine "Anfangsphilosophie" nannte, zu eigen. Zeitweilig waren es über 200 Studenten, 20 Dozenten, davon 4 Professoren. Ruf und Ansehen der Hochschule steigerten sich.


2. Die "alte Mühle von Azerat"

 

Auf diesem Höhepunkt angelangt, als es so aussah, als könnte er sich jetzt an seinem Lebenswerk freuen und dürfte sich nun etwas Ruhe gönnen, zog es ihn plötzlich nach Südfrankreich. Er stand bereits in einem Alter, in dem andere ihre Pensionierung erleben. Er hingegen, dort gerade angekommen, gründete das "Centre d´ Etudes Philosophique" mit dem Ziel, dort den curienzphilosophischen Gedanken im gesprochenen und geschriebenen Wort "zu Ende" zu denken. Mit seiner Zeitschrift "Philosophia Curientica", die er dort (in der Nachfolge von Tijdschrift voor wetenschappelijke kritiek, Amsterdam, 1961ff) gründete und herausgab, wurde er und vor allem sein curienzphilosophisches Denken in vielen Ländern bekannt. Seinen Freunden und Schülern jedoch war kein Weg zu weit. Bald geriet sein neuer Wohnsitz und Lehrort, die "Alte Mühle von Azerat" in den Mittelpunkt. War für HEIDEGGER seine Hütte zu Todtmoos sein Reich, in dem er philosophieren konnte, so war es für Jac VAN ESSEN seine "Vieux moulin". Doch welch ein Unterschied! In HEIDEGGERs Hütte: Totenstille. Bei einem Besuch dort (1959) wurden wir sehr an seine Worte vom "Sein zum Tode" erinnert. Wie anders in der Mühle zu Azerat! Ein Haus voll Leben, voll gelebter Philosophie.

 

Was Jac VAN ESSEN und seine Schüler da bewegte, es ist einfach gesehen das philosophische Denken, das sich auch im Alltag zeigt und bewährt. In Azerat, diesem kleinen Dorf in der Dordogne, konnte van ESSEN das täglich bestätigt sehen: Er fasste das in Worte: "Es lässt sich mit einem Bauern, einem Schreiner, einem Rentner, einer Obstfrau lange, sogar sehr lange philosophieren. Es kommt dann nicht mehr darauf an, dass der Gesprächspartner viel theoretisches Wissen angesammelt hat". Ihm kam es darauf an, die Alltagsphilosophie als Quelle des Denkens ernst zu nehmen. Denn die großen Fragen der Philosophie werden vom Menschen, weil er Mensch ist und nicht weil er Fachmann ist, gestellt. Darum ist Philosophie, Curienzphilosophie das, was das menschliche, allmenschliche, gutmenschliche Denken und Verhalten fördert. So war es für Jac VAN ESSEN kein Widerspruch, sondern eine Selbstverständlichkeit, auch noch in Paris an der Sorbonne Lehrveranstaltungen zu halten. Doch erst da, wo die Philosophie es wagt, aus ihrer akademischen Begrenztheit herauszutreten, zeigt sie sich in ihrer Lebendigkeit. Philosophie ist nicht etwas, das mit dem ersten Semester/Trimester beginnt und mit der Prüfung endet. Grundlage für alles, was VAN ESSEN sagte und bewirkte, war die eigene Lebenserfahrung. Hatte er nicht in einem abwechslungsreichen Leben stets nach neuen Wegen gesucht und dabei nicht selten eingefahrene Gleise verlassen und vorgezeichnete Karrieren abgebrochen? Das war nicht leicht für diejenigen, die mit ihm auf dem Weg waren und die dabei oft den angeblich sicheren Boden unter den Füßen zu verlieren schienen. Doch lehrte er seinen Schülern und Freunden damit nicht auch das Leben? Ein Leben verläuft nicht nach logisch geordneten und mathematisch berechneten Bahnen. Leben ist zugleich immer wieder auch neu anfangen. Wo wir auch ansetzen, es zeigt sich: Aufzählen und Aneinanderreihen von Daten und Fakten können Leben und Lehre dieses großen Denkers nicht schildern. Doch sein Denkansatz, seine Impulse leben, auch wenn Jac VAN ESSEN am 24. September 1989 verstorben ist. Sein schlichter Grabstein trägt nur seinen Namen mit dem Zusatz "Philosophe humanitaire". Er lehrte uns, das Leben ist altersfrei. Ist es für ihn auch todesfrei? Sein eigenes Verhältnis zum Tod war jedenfalls außergewöhnlich, wie sein ganzes Leben. Er sagte selbst: Der Mensch ist weit mehr, als ein zu seinen Lebzeiten agierendes Wesen. So gab denn Wolfgang SAAMAN dem Nachruf auf Jac VAN ESSEN den Titel: Die Zeit nach ihm: Seine Zeit.

 

II. Curientologie als anthropologisches Anfangsphilosophieren

 

Was aber ist jetzt "seine Zeit"? Schauen wir vorwärts, schauen wir zurück, dann stellt sich hier erneut die Frage: Was war und ist nun das Eigene seiner Lehre und seiner Hochschule? In der protokollarischen Definition des Stiftungsvorstandes hieß es: "Die Internationale Fakultät erstrebt das Zusammengehen aller, die sich um das Wissen über den Menschen bemühen" und das im umsichtigen Umgang mit der Menschlichkeit in all ihren Aspekten. Das soll in der unbefangenen Überprüfung der menschlichen Daseinserfahrung an der wissenschaftlichen Erkenntnis von heute geschehen. Über den Menschen, sein Sein, seine Würde nachzudenken, es ist wohl das große und notwendige Anliegen unserer Zeit. Das drückt ein weiteres Leitwort der Internationalen Fakultät aus: "Humanitas omnibus maior". Das war denn auch der Titel der Gedenkschrift über ihn, die ursprünglich als Festschrift zu seinem 80. Geburtstag konzipiert war. Die Aufsätze dieser Festschrift, die nur ein Teil der zugesagten Beiträge darstellt, zeigen uns, in wie vielen Bereichen bereits mit curientologischem Gedankengut gearbeitet wird.

 

Ausgangspunkt ist vor allem die klare und liebenswürdige, allmenschliche Gesinnung als Grundlage der Begegnung mit Menschen jeder alltäglichen, wie bedrängten Lebenslage. Aus diesem Grundgedanken heraus entwickelte sich dann auch die Curienzpsychologie , in der die Curientologie "praktisch" wurde, eben als existentielle Begegnung im (helfenden) Gespräch. In seinem "Leitfaden der curientiven Psychologie" (Haarlem 1970) nennt Jac van ESSEN diese Psychologie "angewandte Menschenwissenschaft", die auf ihre Weise auch Bedeutung für Gesellschaftslehre und Erziehungswissenschaft bekommt. Auch diese Sicht war/ist denknotwendig. Heute zeigt sich ja, im wissenschaftlichen Denken gilt der Mensch nur so viel, wie er vorankommt, erobert, erwirbt, erfindet, enthüllt. Gibt es da noch Raum für das "Geheimnis"? Das Geheimnis beginnt doch gerade da, wo es nichts mehr zu definieren und zu durchforschen gibt. Heute steht der Mensch nicht so sehr vor dem Geheimnis. Es ist umgekehrt: Das Menschsein selbst ist jetzt das Geheimnisvolle. Im Menschen wird es immer Gehalte geben, die verborgen oder nur schwer zugänglich sind. Gerade diesen Grenzzuständen unseres Bewusstseins ging Jac VAN ESSEN in seinem Werk "Geheimen in jeder mens, Amsterdam, 1959" nach. Kritisch sah er auf das Verhalten mancher Psychologen, die sich als "Fachmann über den anderen Menschen" fühlen. Das war kein Affront gegen Psychologen oder Therapeuten, sondern ein liebevolles Erinnern an die Begrenztheit des Wissens über den Mitmenschen. (Die Curientologie, also Curienzphilosophie und -psychologie, kennt ja keine Frontstellung). Doch erinnert sei hier an ARISTOTELES Worte: Der recht Geschulte wird nur so weit Genauigkeit auf den einzelnen Gebieten erwarten, wie es das Wesen des Befragten zulässt (Eth. Nic 1094b). So gilt es zu verhindern, dass dem Menschen allenthalben nachgestellt wird, bis er sich selber nicht mehr findet. Die Frage nach dem Menschen wird drängend angesichts der heutigen Herrschaft der einzelnen "Anthropologien" und ihren Wissenschaften, denn sie sind inhaltlich, methodisch und von ihrer Absicht aus dispart. Der Mensch selbst kommt dabei immer mehr aus dem Blick. Wo kam etwa in HEGELs Idealismus der Mensch noch vor, wo in MARX "Kapital"? Es wurde von Staat, Gesellschaft, Historie usw. gesprochen, als ob es den Menschen nichts anginge. Nach all dem aber stellt sich die Frage nach dem Menschen und seinem Wesen radikaler als je zuvor.

 

Dem Menschen wurde mit menschenfernen Aussagen ein "goldenes Zeitalter" verheißen. Bis heute ist man noch davon überzeugt, dieses goldene Zeitalter beginne dann, wenn über genug Wissen, den nötigen Fortschritt, über Technik und Wohlstand verfügt werden könne, und damit jeder Gedanke, der darüber hinausgeht, überflüssig sei. KAROL WOJTYLA (Papst Johannes-Paul II.), der, wie ein persönliches Gespräch mit ihm (am 14. Februar 1994) zeigte, dem Allmenschlichkeitsdenken nicht fern stand, schrieb in seiner Enzyklika (Redemptor hominis, 1979): "Der Mensch, der in eigener Machtvollkommenheit (also in der Missachtung des Allmenschlichkeitsgedankens) herrschen will, wird zum Sklaven der Wirtschaftssysteme, der Produktion und Produkte" und wird andere dazu machen. Ein anthropologisch personalistisches Denken ist dann die Antwort auf die Inanspruchnahme des Menschen von Seiten der Einzelwissenschaften und der Politik. Hier sei nur kurz an die großen Denker des Menschseins gedacht, wie Franz ROSENZWEIG, Romano GUARDINI, Peter WUST, Gabriel MARCEL, Martin BUBER und ganz besonders an MAX SCHELER. Jeder dieser Philosophen hat auf seine eigene Weise, aber konsequent über den Menschen, sein Sein und seine Würde nachgedacht.

 

1. Die neue Menschlichkeit

 

Doch mit welcher Philosophie gehen wir in das neue Jahrtausend? Diese Frage bewegte Jac VAN ESSEN bis zur letzten Minute seines Lebens. Seine Ausarbeitungen zu seinem Werk "Humanité nouvelle" (Die neue Menschlichkeit) lagen, als er starb, als unfertiges Manuskript vor ihm auf seinem Schreibtisch. Einige Abschnitte davon wurden einstweilen in der hochschuleigenen Zeitschrift "PHILOSOPHIA CURIENTICA" (Band IX und X) veröffentlicht.

 

Warum aber "neue Menschlichkeit"? Jac VAN ESSEN ging davon aus: Ein altgewordenes Jahrhundert, gar Jahrtausend, wusste nicht die wirklich menschlichen Probleme zu bewältigen, nicht einmal theoretisch in bezug auf das Grundsätzliche. Im blutigen Meinungsstreit hat es begonnen und so geht es gleicherweise zu Ende. Jac VAN ESSEN legt auch hier - wie in seinem gesamten Denken - kein Programm vor. Ihm geht es um die allgemeine Philosophie des Menschseins um "Das Denken der entschiedenen Menschlichkeit". Diesen Titel gab ich in meiner Vorlesungsreihe "Philosophie des XX. Jahrhunderts, p. 249-252" dem Abschnitt über Jac VAN ESSEN und seine Philosophie. Ja, entschieden, auf eigene Weise und in aller Konsequenz dachte er dem Menschen nach. Und dieses Nachdenken war und ist das Hauptthema der Curienzphilosophie. Jac VAN ESSEN sah, dass es nicht genügt, dem Menschen sein drohendes Schicksal vor Augen zu halten (wie es etwa von der Industriegesellschaft, den modernen Wissenschaften mitsamt der Umweltzerstörung und -vergiftung kommt): Er sah die zwingende Notwendigkeit, dem modernen Menschen, der alle Bindungen verloren hat, eine "geistige Hilfe" zu geben, die es dem einzelnen ermöglicht "denkehrlich und sorgfältig" mit den technischen und wissenschaftlichen Neuerungen umzugehen, dergestalt, dass er nicht sich selbst und nicht seine Mitmenschen aus den Augen verliert.

 

Zu erwähnen ist noch: Der philosophische Hintergrund seines Denkens und Handelns entstand bereits während seiner Tätigkeit in der Psychiatrischen Klinik. Dort reagierte er, wie er sagte, nicht "ärztlich", sondern "menschlich". Das besagt: Nicht das Krankheitsbild stand vor ihm, sondern der (betroffene) Mensch, dem er sich zuwandte. Er selbst drückte das so aus: Es kommt darauf an, "in ihren Augen das Licht der Hoffnung zu sehen, das wir heller zum Leuchten bringen können". Das war ein Grund dafür, dass er auch später noch in seiner knapp bemessenen Freizeit die Menschen dort besuchte. Das war sein persönlicher Weg. Wie aber soll so etwas allgemein verwirklicht werden? Endet so etwas nicht in "Lebensromantik"? Auch VAN ESSEN und mit ihm seine Schüler machten eine Gedankenentwicklung durch. Da suchte Jac van Essen zunächst nach einer Hauptidee. Er merkte aber bald, nicht eine Idee, sondern die Geistesgesinnung ist das Tragende, wie die Gesinnung der "Allmenschlichkeit", der "optimalen Humanität". Diesen Gedankenansatz nennt er "erkenntnistheoretische Sorge um ein menschlich richtiges Philosophieren". Hier darf der Begriff "Sorge" nicht in existenzphilosophischer Ausprägung aufgefasst werden, denn "Sorge" im Sinne der Curienzphilosophie ist frei von der Angst. Sie ist getragen von Hoffnung und Zuversicht.

 

Curientologie ist der Begriff, der dieses wissenschaftliche Arbeiten charakterisieren soll. Ja, für dieses Denken aus der allmenschlichen Gesinnung heraus prägte Jac VAN ESSEN den eigenwilligen Terminus "Curienzphilosophie", auch "Curientologie" (unter Einschluss der praktisch psychologischen Hilfe der "Curientation"). Erwähnt sei hier noch einmal unter weiterer Sicht: Das Wort "curienz" ist abgeleitet von "curiosus" im Sinne von "sorgeneifrig". Der Begriff ist inhaltlich verwandt mit dem griechischen Wort "charienz", das bei Platon soviel bedeutet, wie "wachsame sokratische Liebenswürdigkeit", und im Bezug auf die Philosophie "liebende Wissbegierde". Dass in diesem Denken die bloße Aufdeckung bisher unbekannter Sachverhalte oder unbeachtet gebliebener Begriffszusammenhänge nicht genügte, war nur zu selbstverständlich.

 

Bei der Hochschulgründung definierte VAN ESSEN bereits das Ziel so: "Wir bezwecken ein philosophisches Studium zur Förderung der humanitären Prudenz (Prudenz hier im Sinne von wissenschaftlich, praktischem Verstand und Lebensklugheit) als sorgfältiges Umgehen mit dem Mitmenschlichen in jeder Beziehung. Durch eine unbefangene Prüfung der menschlichen Daseinsentfaltung an den wissenschaftlichen Tatsachenerkenntnissen unserer Zeit wurde eine curienzphilosophische Forschung mit unterschiedlicher Zielsetzung möglich". Schon vom sozial-ethischen Standpunkt aus ist ein menschlich "richtiges" Philosophieren notwendig. Und dieses "menschlich richtige Philosophieren" war für VAN ESSEN die eigentliche Voraussetzung für jedes wissenschaftliche Arbeiten mit und für den Menschen, wie auch für den alltäglichen mitmenschlichen Umgang. So seine Worte: "Ich wage die Hypothese, dass sich letzten Endes nur dann physikalisch, usw. richtig denken lässt, wenn menschlich richtig gedacht wird, wenn auch der naturwissenschaftliche Theoretiker über ein curienzphilosophisch richtig erarbeitetes Menschenbild verfügt".

 

Aber, wo wird in der Forschung des Menschen gedacht? Wo in der Wissenschaft macht man sich Gedanken über den Menschen, der doch letztlich von den wissenschaftlichen Forschungen und ihren Auswirkungen betroffen ist? Jac van ESSEN ist der Meinung, die Grundlagenforschungen "zumindest im Blick auf den Menschen" sind festgefahren. In allen Bereichen werden die Nebenfolgen der Forschung (bis zur unentschuldbaren Umweltverschmutzung) größer. All das finden wir vor. Wir erfinden die Fakten nicht, müssen aber damit klar kommen. Was kann da die Curienzphilosophie erreichen? Wo steht sie in diesem Zusammenhang? Das stellt uns zunächst immer wieder vor die alte und neue Frage: Was ist sie überhaupt? In seinem Vortrag auf dem 16. Kongress für Philosophie (1978) "Das ist Curienzphilosophie" sagte Jac VAN ESSEN: Curienzphilosophie ist kein fertiges Denkgebäude, für alle Zeiten in Beton gegossen. Sie ist ein "anthropologisches Anfangsphilosophieren". Hier kann man ruhig von der ontologischen Tautologie ausgehen "Alle Menschen sind Menschen". Doch, so ist zu fragen, wird das Menschsein aller Menschen auch wesenhaft gleich geglaubt? Das aber ist die Grundlage, wenn es um die Allgemeinheit des Existierens als Mensch geht. Schon der Ausspruch "Alle Menschen werden Brüder" ist aus dieser Sicht falsch. Es kann eigentlich nur heißen "Alle Menschen sind Brüder (und Schwestern)". Sie sind es bereits ihrer Seiendheit entsprechend. (Brüder also hier ganz im allgemeinen Sinne von Menschen gleicher Rechte und Abstammung gedacht).


2. Die Frage nach dem Menschen

 

Die Frage nach dem Menschen kann sozialethisch, soziologisch, aber auch kosmologisch gestellt und ggf. beantwortet werden. Schon kosmologisch ist innerweltlich das Menschsein das Höchstdenkbare, weil in der menschlichen Seinsbewusstheit die Welt sich das eigene Dasein vergegenwärtigt. Damit ist menschliche Weltbewusstheit mit der kosmischen Würde des Menschseins verbunden. Hier erhält Max SCHELER's Gedanke "der zwar nicht Grundlage des curientologischen Denkens, wohl aber ihm verwandt ist" eine entscheidende Weiterführung. SCHELER's Erforschung der "Stellung des Menschen im Kosmos" ist genau genommen nur im curienzphilosophischen Denken in aller Konsequenz für den Menschen weitergedacht worden. Für SCHELER war das Grundproblem der anthropologischen Philosophie das eigentliche Anliegen seines geisteswissenschaftlichen Denkens. Er wollte letztlich zu einem wissenschaftlich verantworteten und zugleich innerlich lebbaren philosophischen Abschluss kommen. Jac VAN ESSEN spricht in Bezug auf Max SCHELER von der Tragik seines Denkerlebens und doch findet er hier einer jener seltenen Sternstunden der existentiellen Anthropologie. Schon SCHELER's Worte, dass "das Urseiende sich im Menschen seiner selbst inne wird", war curienzphilosophisch mit Interesse aufgenommen worden. Wie aber betrachtet die Curientologie SCHELER's Aussage über die Stellung des Menschen im Kosmos? Soweit der Mensch selber ein kosmisches Phänomen ist, gibt es für den Menschen keine Sonderstellung, wohl aber da, wo der Kosmos sich im Menschen das eigene Dasein vergegenwärtigt, da, wo der Mensch nicht nur vorkommt, sondern zu sich zu seinem Menschsein verhält. Da erscheint der Mensch in seinem Wert und in seiner Würde und das ohne Ausnahme.

 

Unabhängig davon zeigt sich: Was in der Curienzphilolosophie gesagt wird, bezieht sich auf jeden Menschen, gleich wie gesund oder krank, wie alt oder wie jung er ist. Das fängt schon vor der Geburt an. Hier kann sich die Curientologie einfach auf den Satz TERTULLIAN's berufen: "Was Mensch wird, ist bereits Mensch". Das trifft auf jeden Menschen zu, auch dann, wenn er einstweilen nur eine winzige Wachstumszelle ist. Leidenschaftlich vertrat VAN ESSEN in seinem "pleidooi voor het ongewenste Kind" (Haarlem, 1975) das Lebensrecht der Ungeborenen. Sein Kernsatz, der auch das Sein des an Altersdemenz Leidenden mit umfasst, besagt: Wer zur Menschheit gehört, vertritt das Menschsein aller Menschen, auch wenn ihm die Fähigkeit fehlt, sich dessen bewusst zu werden. Mutig vertrat er das Lebensrecht aller vor dem niederländischen Parlament. (s. dazu Philosophia Curientica, Bd. X, Heft 2). JAC VAN ESSEN wehrt sich dagegen, dass man heue mehr vom Sozialen aus über das Existentielle des Menschen entscheiden will, um so Schicksalsmacht über den Mitmenschen auszuüben. Deshalb wurde - wie von ihm mehrfach öffentlich und mit Nachdruck dargelegt "in unserem Kulturkreis die Todesstrafe nicht abgeschafft". Sie wird zwar nicht mehr auf Schwerverbrecher angewandt. Jetzt verhängt man sie über ungeborene Kinder, über unansehnlich gewordene Kranke und abgestumpfte Greise und das aus diabolischer Wesensdiskriminierung bestimmter Menschen. (De Ernst van aktieve Euthanasie, Haarlem 1955). Ein Satz aus dieser Abhandlung lautet: Menschliches Leben darf niemals vorzeitig durch einen vorsätzlichen Eingriff beendet werden, aus welchem Grund und unter welcher Voraussetzung auch immer. Dabei gibt es keine Ausnahme. Ein jeder muss sich bei seinen Mitmenschen sicher aufgehoben wissen und bis zu seinem natürlichen Lebensende die Hilfe empfangen, die er benötigt. Bei einem Gespräch sagte er einmal: Nicht eine Sekunde darf man dem Menschen von seinem Leben rauben. Keiner weiß, was diese eine Sekunde noch für ihn bedeutet. Immer steht die Curienzphilosophie auf Seiten des Menschen. Deshalb setzt sie die Notwendigkeit einer Umorientierung in den drei wichtigsten Menschenwissenschaften voraus: Eine Psychologie, ohne entlarvende Personbeurteilung, eine Soziologie der integralen Unherrschaftlichkeit eine Pädagogik, ohne diskriminierenden Kindlichkeitsbegriff. So ist z. B. die Pädocurienz nicht "anti-autoritär", sondern non -autoritär, nicht befehlend, sonder darlegend, d.h. nach VAN ESSEN: Dem spracherreichbaren Kind wird nach dem Denkmodell des Augustinus (liebe Gott - dann tu, was du willst) begegnet. Methodologisch entscheidend ist die Hingabe, die Zugewogenheit, so wie das Sorgen-umjemanden immer irgendwie liebendes Sorgen ist und nicht allein pflichtmäßig realisierte Fürsorge. An der Umorientierung der drei wichtigen Menschenwissenschaften wird in unserer Mitte seit 1955 gearbeitet, so wie dies in manchen der Diplom- und Doktorarbeiten unserer Hochschule seinen Niederschlag gefunden hat. Wo die Curienzphilosophie auch ansetzt, Voraussetzung ist die Wesensgleichheit aller Menschen. "Damit die Menschheit menschlich nicht zugrunde geht, moralisch nicht ins Tierreich fällt, soll und muss der Mensch als vollmenschlich gelten" (Praxis der Vollmenschlichkeit, Köln 1984). Weiter heißt es da: die Praxis der Allmenschlichkeit ist die Vollmenschlichkeit, die Praxis der Vollmenschlichkeit aber heißt "Mitmenschlichkeit". Sicher ist die Allmenschlichkeitsidee keine neue Erfindung. Wohl aber ist die Entdeckung der zentralen anthropologischen Bedeutung dieser Idee die Originalität der Curienzphilosophie. Nur hier kann die mit Max SCHELER begonnene Frage nach dem Menschen entscheidend weitergeführt werden. Er hatte schon ausgesprochen, dass aller Fortschritt erst dann seine eigentliche Bedeutung erhält, wenn der Mensch jederzeit als Mensch im Blick bleibt.


3. Die Gutmenschlichkeit (Wohlmenschlichkeit)

 

Gerade heute ist dieser Blick so wichtig, weil es heute keinen Lebensbereich des Menschen mehr gibt, der nicht vom Einfluss des wissenschaftlichen Fortschritts in Anspruch genommen wird. Der Mensch steht heute täglich vor neuen Erkenntnissen. Bringt diese Erweiterung des Erfahrungshorizontes neue Möglichkeiten der Weltbewältigung mit sich? Wird der Mensch dabei vergessen? Oder woher kommt die Orientierungslosigkeit? Wie schwer wird z. B heute ein ethisches Urteil! Immer dringender wird für die Gestaltung einer menschlichen Zukunft die Besinnung auf den Menschen selbst. Hier ergänzt Jac VAN ESSEN den Gedenken der All- und Vollmenschlichkeit mit dem der Gutmenschlichkeit im Sinne der moralischen Bonität.

 

"Gutmenschlichkeit", so lesen wir bei ihm, hat in der Alltagssprache etwa den Klang von Gefälligkeit bis Rechtschaffenheit, von Philanthropie bis Bonhomie. Das kommt unserem curienziellen Begriff der prudentiven, bzw. integralen Humanität nahe. Aber nur unter Vorbehalt, denn der gütige Mensch handelt zwar subjektiv, aber nicht immer zugleich auch objektiv gut. Die curientiv definierte Gutmenschlichkeit findet zwar im Gemüt ihren stimmungsmäßigen Widerhall, doch gehört dazu auch das Wissen um die allmenschliche Schicksalsverbundenheit in gesellschaftlicher Hinsicht. In dieser Sicht erscheint die curienzielle Humanitätsidee als der "gute Gedanke" unseres ganzen curienzphilosophischen Anliegens, soweit die Güte des Menschseins unsere soziale Verhaltensethik begründet. "Gutsein" als Mensch unter den Menschen feiert die moralische Bonität des gemeinschaftlichen Menschseins. Sicherlich gibt es auch kritische Stimmen gegenüber der Curienzphilosophie. So lesen wir in einer Fachbesprechung der niederländischen Psychologen: Curienzphilosophie ist eine humanitäre Utopie. Bei aller klaren wissenschaftlichen Grundlage geht sie humanitär zu weit im Vergleich mit dem, was üblich ist. So weit das Zitat. Dann aber muss der Schreiber dieser Zeitschrift sich unsere Frage gefallen lassen: Was ist denn üblich? Etwa den Menschen als sozial misslungenes und kosmisch nutzloses Wesen anzusehen? Oder was gibt es sonst für übliche Ansätze? Hat nicht die Kulturgeschichte gezeigt, dass es ohne umfassende positive Menschseinsbetrachtung einfach nicht geht, weil sonst der Satz des Plautus in Geltung gerät: Lupus homo homini est.

 

Allerdings wird die Philosophie heute in einer orientierungslosen Zeit mit Forderungen angegangen, die sie nicht erfüllen kann und auch nicht

erfüllen will. Sie kann sich nicht in Gebrauch nehmen lassen und ist auch

nie Ersatz für etwas anderes. Wer sie z. B. als Ersatz für Religion einsetzen will, hat keine von beiden verstanden. Die Philosophie muss schon ihre eigenen Fragen stellen und diese gehen bis in die Einmischung in die Zeitprobleme, wie es Jac VAN ESSEN zeigt, wo er für das Lebensrecht des "unerwünschten Menschen", also den Ungeborenen, wie für das des Kranken und alten Menschen spricht. Die konsequente Philosophie steht eindeutig auf Seiten des Menschen. An eine Frontstellung ist hier nicht gedacht. Gegen wen auch? Wissenschaft und Technik sind schließlich in der Hand des Menschen. Demnach ist der Mensch der Ansprechpartner (etwa in bezug auf Ethik und die daraus erwachsende Verantwortung) und nicht die für Menschheitsfragen taube und stumme Einzelwissenschaft und Technik. Die Anwendung der Wissenschaften auf den Menschen (von der Biologie bis hin zur Genforschung) lassen den Ruf nach einer vollmenschlichen und ethisch auch nach einer gutmenschlichen Philosophie erforderlich machen. VAN ESSEN sieht, zu diesem Problemkreis gab es bisher keine tragende Human-Philosophie. Er nimmt sich die Freiheit, in die mitmenschlich bewegte Welt ein positives Menschenbild eigener Art integral in Anwendung zu bringen. Er geht von dem einfachen Ansatz aus: Das Bedürfnis, dem Mitmenschen positiv zu begegnen, verbunden mit der Überzeugung, dass dies der einzige Weg zu einem friedvollen Zusammen leben "sowohl im persönlichen, wie auch in dem der Völker" ist, drängt sich auf. Jac van ESSEN sagt selbst hierzu: Das mag seine realpolitische Naivität haben. Aber nicht alle Bestrebungen dieser Art sind utopisch.

 

In seinem bereits erwähnten Werk "Humanité nouvelle" (Neue Menschlichkeit) zielt er auf das heutige Erwachen zu einer umfassenden Humanitätsbewusstheit (consensus humanitair). Weiter heißt es da: Wenn dem auch vieles entgegensteht, ist doch dieses Phänomen typisch für die gegenwärtige Kulturepoche, in der das XX. Jahrhundert zu Ende geht. Im Ansatz hat dieses Bewusstsein kein Programm. Sie ist vielmehr eine intuitive, spontan sich regende Gesinnung, der es in erster Linie um die allmenschliche Ebenbürtigkeit geht. Das besagt, dass vom Menschlichen nur in Wesensübereinstimmung gesprochen werden kann, gleich was für Verschiedenheiten es unter den Menschen auch geben mag. Allmenschliche Seingleichheit und Ebenbürtigkeit lassen sich sicherlich auch theologisch ansprechen. Zumindest im Christentum werden alle Menschen als existentiell gleich angesehen, eben Kinder des einen Gott-Vaters. Hier ist jeder Mensch gleichwürdig, gleichwert. Hier zeigt sich, die Theorie der Allmenschlichkeit fordert dazu auf, dem anderen unter allen Umständen menschlich horizontal zu begegnen, als ob man der andere selbst wäre. Es kann schließlich nicht mehr und nicht weniger Menschsein geben.

 

Als umfassende Wesensaussage über die Wirklichkeit des Menschseins lesen wir bei Jac VAN ESSEN: Ich bin menschlich wie jeder andere Mensch und das ist unsere gemeinsame Daseinsweise. Also nur, was menschlich richtig zu Ende gedacht ist, ist fähig, die Menschen geistig zu vereinen. Gedacht ist hier an eine zwischenmenschliche Partizipation. Daraus ergibt sich aber nie eine Identifikation. Ein existentielles Gleichheitsdogma entspräche ja nicht der curienzphilosophischen Auffassung. Das betrifft alle menschlichen Dinge, welche die Tiefe des Daseins berühren. Geht es um das Definieren von Begriffen, so ist in der Curienzphilosophie die Definition vor allem als Versuch einer Antwort auf eine Wesensfrage zu sehen. Hierbei geht es fast immer nur um dasjenige, was gemeint ist, wenn das Wort "Mensch" gesagt wird. (Zu vielen anderen Definitionen stellen wir keine eigenen Begriffsüberlegungen an. Wir nehmen somit deren Allgemeinverständlichkeit innerhalb der Philosophie in Anspruch). Anscheinend aber verfügen wir schon über ein vorläufiges "Menschenbild", das man definitorisch schärfer umreißen will und deswegen in Frage gestellt wird. Wenn es heißt: "Der Mensch ist Mensch", so ist diese Tautologie ein denktechnisch legitimes Mittel um eine klarere Definition vorzubereiten. Dabei zeigt es sich, dass hier zwei Menschseinsdefinitionen rhetorisch miteinander in Verbindung gebracht werden: eine individuelle und eine generelle.

 

Was aber bedeutet das für das Selbstverständnis des Menschen? Der Mensch weiß: Ich bin dieser bestimmte Mensch. Das hat aber nur Sinn, wenn er zugleich weiß, ich bin menschlich gesehen, wie jeder andere Mensch - und das ist unsere gemeinsame Daseinsweise. Jac van Essen sieht hier die "umfassende Wesensaussage über die Wirklichkeit des Menschseins überhaupt". Seinsgleichheit besteht dann in der Teilhabe an der gemeinsamen Daseinsweise. Dabei vertritt der Einzelne nicht nur die ganze Menschheit in seinem Selbstsein. Er ist sie auch existentiell. Das, was wir Allmenschlich nennen, bekommt erst durch die Einzelmenschlichkeit ihr Gesicht. Wo wir dem einzelnen Würde und Dasein rauben, nehmen wir sie der ganzen Menschheit. Deshalb kann nie Abortus provocativus oder Euthanasie sein. Der Mensch ist schon alles, was er sein kann: "Mensch" und mehr oder weniger kann er nicht werden.

 

Jac VAN ESSEN: So lasst uns das Menschsein feiern.


4. Die Jac van Essen Akademie

 

Was aber wurde und ist aus all dem geworden? Zunächst ein kurz gefasster historischer Rückblick: 1955 entwickelte Jac VAN ESSEN aus seiner Privatpraxis heraus die curientive Psychologie. Auf dieser Basis errichtete er zuerst in Amsterdam eine Privathochschule. Nach dem niederländischen Gesetz für den wissenschaftlichen Unterricht existierte von 1955 an die Internationale Fakultät in Haarlem als "menschenwissenschaftliche Hochschule" mit philosophischem Promotionsrecht. Die übernationale Einstellung wurde dadurch betont, dass aus vielen Erdteilen sich Hörer einfanden. Das Grenzüberschreitende zeigt sich auch darin, dass es in mehreren Ländern Institute und Seminare gab, so in Oxford, Brüssel, Köln, Hannover. "Das Ganze aber läuft dem Lehrbetrieb in Haarlem parallel", heißt es in der Studienordnung. Diese Zentrierung war notwendig, weil, obwohl ganz auf curientive Gesichtspunkte ausgerichtet, ausschließlich die in den Niederlanden gesetzlich vorgeschriebenen Lehrverpflichtungen zur Ausführung kommen mussten. Allerdings lässt sich nicht verschweigen, dass es bei der bekannten "Vorliebe der Philosophen für Behördengänge" manchmal auch zu Schwierigkeiten kam. Lehren und gemeinsames Lernen nahmen aber ungehindert ihren Fortgang. Curientologie ist ja im eigentlichen eine angewandte philosophische Anthropologie. Unter der Forderung der erkenntniskritischen Sorge um ein menschlich richtiges Philosophieren, wagte die Hochschule sich "gelegen oder ungelegen" an die Öffentlichkeit, besonders da, wo es um Lebensrecht und Lebenswürde jedes Menschen geht. In den liberalen Niederlanden gab es natürlich massive Angriffe, wie aber auch Beifall. Jac van ESSEN: "Der Allmenschlichkeitsgedanke braucht keine Beifallspender, sondern Menschen, die sich die Sorge um die Würde eine jeden Menschen zu eigen machen". Das setzt voraus, dass ein positives Menschenbild erarbeitet ist und allem zugrunde liegt.

 

Unter diesem Leitbild fand auch, wie selbstverständlich, die angewandte Psychologie ihr eigenes Wesen. Curienzpsychologie definiert sich als eine außermedizinische Beratungsmethode ohne tiefenpsychologischen oder sonstigen Bezug. Genau genommen leistet sie philosophische Problemhilfe, etwa für Menschen mit psychosozialen Schwierigkeiten in ihrem Leben, die sie nicht selber denkend bewältigen können. Im Rahmen der wissenschaftlichen Arbeit und zur Klärung des neuesten Standes der internationalen Fakultät fanden jährlich Studienkonferenzen (so in Haarlem, Azerat, Köln, Oxford, Brüssel, München und an anderen Orten) statt. Sicherlich lassen sich über die Praxis der angewandten Curienzphilosophie Jac van ESSENs und seiner Schule Bände füllen. Hier konnten nur ein paar historische Daten und einige Grundgedanken dargelegt werden Nach der Frage: Was ist aus alledem geworden? Steht nun die Frage: Was ist der jetzige Stand? Geht ein großer Denker, dann ist das gewissermaßen auch ein Abschluss. Sein Denken hat ein Ende gefunden, aber nicht der Anstoß, den er mit seinem Denken gab. Leider waren ihm etliche Dozenten der Hochschule auf dem Weg ins Jenseits gefolgt, andere sind durch Krankheit und Alter behindert. Doch der Geist des curientologischen Denkens lebt, nicht nur bei denen, die sich jetzt unter dem Namen "Jac van Essen Academie" zusammenfinden, sondern auch bei denen, die in den verschiedenen Bereichen, sei es als Hochschullehrer, Berater, Jurist, Theologe, Pädagoge oder in der Wirtschaft tätig sind. Alle Denker dieser Richtung sind selbständige Denker und keine Nachahmer. Was aber lässt uns trotzdem von einer Curientologie sprechen? Sie ist keine Lehre im eigentlichen Sinne, aber sie ist eine klare Einstellung gegenüber dem sachlichen Problem der Philosophie. Jac van Essen nannte sein Denken eine "Anfangsphilosophie", also eine Anstiftung zum Weiterdenken, vor allem, zum wesenhaften Weiterfragen. Doch so verschieden die einzelnen Denker der Hochschule auch ihren eigenen Weg gingen, sie alle sind geeint in der Begegnung mit dem Mitmenschen, dem Nächsten in der Allmenschlichkeit.

 

Für den Fortbestand der Hochschule hat sich jedoch die Verselbständigung der Stiftung, also der Verwaltung gegenüber der Wissenschaft, nicht bewährt. Die Hochschule war nie auf Gewinn aus. Geld war nie eine Frage der Hochschule, der Dozenten und der Studenten. Im Mittelpunkt stand nur das gemeinsame Lernen. Wer mit Verantwortung lehrt, der muss auch immer wieder auf die Bank des Lernenden zurück (Edith STEIN). Lebenslanges Lernen ist schließlich der Schlüssel für die Zukunft einer echten Philosophie. Zukunft und Vergangenheit der Philosophie sind schließlich und unlöslich mit dem geistigen Leben des Menschen verknüpft. Entwicklung gibt es hier, indem die Philosophie sich auf ihre Wurzeln besinnt und zugleich neue Gedanken hervorbringt. Doch das Wissen darüber vermehrt sich nur, sofern es weitergegeben wird.

 

III. Literatur- und Kontakthinweise

 

Aktuelle Aussagen über die Jac van Essen Akademie: Zur Zeit entsteht über das Denken Jac van ESSEN's, seine Lehre und seine Hochschule an einer deutschen Universität eine vielversprechende Dissertation, die bis zum Jahresende fertig sein wird. Über den jeweiligen wissenschaftlichen Stand der Jac van Essen Akademie berichtet weiterhin die Zeitschrift PHILOSOPHIA CURIENTICA (Haarlem University Press, Druck und Verlag Köln), die in unregelmäßigen Abständen erscheint.

Verwendete Literatur:

Jac van Essen: Das ist Curienzphilosophie 1978

Jac van Essen: De sociale funktie der religie, Amsterdam 1955

Jac van Essen: Die neue Menschlichkeit (posthum)

Jac van Essen: Geheimen in ieder mens, 1957

Jac van Essen: Konferenzvorträge 1952-1980

Jac van Essen: Leitfaden der curientiven Psychologie, 1970

Philosophia Curientica (alle Ausgaben von 1978-2004)

Augustinus Krinner: Humanitas omnibus maior, 1989

Hans-Jakob Klamm: Sprachtheorie und Curientologie, 1979

Michael Baldauf, Das Bild des Menschen im Blick auf den
Allmenschlichkeitsbegriff bei Jac van Essen, Haarlem 1997

ferner: unveröffentlichte Manuskripte und Notizen der I.F. ab 1949.

 

Kontaktadressen der Jac van Essen Akademie:

NL: Curientologisches Seminar: Frau Dozentin Dr. Gret Snel, XX
Dokkum Stern 28. E-Mail: greetsnel@hetnet.nl.

F: (nach dem Tod von Mm Dr. Dr. J. L. de Savornin-Lohman,
Thenon/F: z. Zt. vakant)

B: Dr. Arnold Spijker, Grittelbergstraat, B 3740 Bilzen

D: Prof . Dr. Dr. Augustinus Krinner, Triftweg 19, 50226 Frechen
Mail: krinner-a@netcologne.de



(Prof. Dr. Augustinus Krinner)

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